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E-Commerce in Tschechien: Wie shoppt ein Land ohne Amazon?

Autor Thea Windisch Thea Windisch

Beim Online-Shoppen ist Amazon für viele nicht mehr weg zu denken. Anders ist das in Tschechien. Denn hier wird der E-Commerce nicht von dem Giganten aus den USA beherrscht.

Für viele ist der tschechische Markt und seine Konsumenten ein unbeschriebenes Blatt, eine unbekannte Größe. Der tschechische Markt ist aber auch ein Faktor, der leider viel zu wenig und zu selten für die eigenen Auslandsaktivitäten in Betracht gezogen wird. Das mag an Vorurteilen gegenüber Land und Wirtschaft, wie auch an Unwissenheit über seine wirtschaftliche Situation und Gegebenheiten liegen. Natürlich ist jeder Markt spezifisch. Im E-Commerce und Onlinebereich gilt das gleichermaßen. Und so ist das auch für den tschechischen Onlinemarkt.

Was viele nicht wissen (einige Ausnahmen gibt es, wie hier bei SearchEngine Journal) ‒ in Tschechien behauptet sich seit Jahren eine alternative Suchmaschine namens Seznam.cz.  Auch wenn die Nutzung allmählich schwindet, stellt sie immer noch einen nennenswerten Konkurrenten zu Google.cz dar. Bis zu 30% organischer Suchen finden noch auf Seznam.cz statt (eigene Berechnungen). Eine derartige Situation herrscht nur in wenigen anderen Ländern (Yandex – Russland, Baidu – China). In Europa schon gar nicht.

Im E-Commerce ist die Situation vergleichbar, auch hier gibt es nennenswerte Spezifika, die den tschechischen Markt so besonders machen. Oft lese und höre ich, der tschechische Konsument sei insgesamt eher konservativ, insofern dass er sich weitgehend an tschechische Geschäfte und Dienstleistungen ‒ sprich Onlineshops wendet. Bestätigen kann ich diese Hypothese allerdings nicht. Aber das ist auch so klar wie offensichtlich: immerhin hält sich jeder Konsument in einer eigenen, sehr speziellen sozialen Blase auf, hat andere Vorlieben und Präferenzen. Schlicht ‒ entspricht einem anderen Shopping-Typ. Verallgemeinerungen kann man deshalb nur sehr schwer und begrenzt äußern. Aus diesem Grund sind sie auch nur teilweise zutreffend.

Spannende Zahlen mit Luft nach oben

Der tschechische Markt ist dennoch lohnenswert. Der Umsatz im E-Commerce beträgt 2019 schätzungsweise 2.368 Mio. €, mit dem Segment Fashion als größtes Marktsegment und einem für 2019 prognostizierten Volumen von 785 Mio. €. Dabei liegt der durchschnittliche Erlös laut Statista pro Nutzer, der ARPU – Average Revenue Per User, bei 322,01 €.

E-Commerce hat sich in der Tschechischen Republik in den letzten Jahren sehr stark entwickelt, es gibt mittlerweile schätzungsweise etwa 36.000 Onlineshops. Deren Angebote und Dienstleistungen haben sich immer weiter verbessert und auch die Tschechen haben sich an den Gedanken gewöhnt in die Onlineshops investieren zu müssen um erfolgreich zu sein (oder werden).

Die Zahl der Onlineshops muss gemessen an der Einwohnerzahl und der Größe Tschechiens sehr hoch scheinen, allerdings geht beispielsweise Jan Vetyška von der APEK – Asociace pro elektronickou komerci (E-Commerce Verband) in einem Interview davon aus, dass viele dieser Shops nur wenige Artikel im Sortiment haben. Onlineshops, die man als richtige Unternehmen bezeichnen kann und sich dementsprechend an den Großteil des Marktes und Konsumenten richten, sind zahlenmäßig deutlich weniger und bewegen sich vermutlich in der Größenordnung rund um 1.000 bis 1.500 Shops. Luft nach oben für ausländische Shops. Das haben sich wohl auch die deutschen Onlineshops Zalando und AboutYou gedacht, die im Sommer 2018 (sehr erfolgreich) den tschechischen Markt betreten haben.

Amazon freie Zone?

Spannend und attraktiv am tschechischen E-Commerce ist noch dazu, dass es hierzulande noch immer kein “richtiges” Amazon gibt. Eine Amazonisierung, wie sie in Deutschland seit langem stattfindet und sich auch für die Zukunft abzeichnet, kann man hier also nicht beobachten.

Natürlich ist es möglich als tschechischer Konsument bei Amazon.de zu bestellen; die Gratislieferung beginnt bei 39 € Warenkorbwert, die Webseite wurde auf Tschechisch übersetzt. Allerdings beinhaltet der kostenlose Versand nicht das gesamte Sortiment, viele Produkte werden gar nicht nach Tschechien geliefert. Denn er trifft nur auf Waren zu, die von Amazon.de ‒ also über die Amazon Fulfillment Center ‒ verschickt werden.

Aus diesem Grund spielt Amazon im E-Commerce in Tschechien auch nur eine kleine Rolle, es gibt vergleichbare (tschechische) Giganten, die deutlich beliebter und stärker sind. Da für viele Tschechen beim Online-Shopping vor allem der Preis ausschlaggebend ist, hat sich die Seite Heureka.cz als meistgenutzte Shoppingseite nach oben gekämpft. Auf Heureka.cz kann man sowohl Preise vergleichen als auch direkt einkaufen und Kundenbewertungen finden. Außerdem können Marketer natürlich diverse Formen von Anzeigen schalten, von Produktanzeigen über Bannerwerbung. Weitere sehr beliebte Shops in Tschechien sind Mall.cz, alza.cz und notino.cz.

02.05.2019

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